markuszett

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Dabei seit: 18. April 2010

EMPFOHLENE BÜCHER

Limonow

Limonow
Emmanuel Carrère
Matthes & Seitz

Wovon wir träumten

Wovon wir träumten
Julie Otsuka
mare verlag

Tokio, besetzte Stadt

Tokio, besetzte Stadt
David Peace
Liebeskind

BELLA triste 27

BELLA triste 27
Diverse Autoren, Herbert Hindringer, Annika Scheffel, Clemens J. Setz, Kevin Kuhn
Junge Magazine

Wasserblau

Wasserblau
Monika Goetsch
DÖRLEMANN

KOMMENTARE

Limonow von Emmanuel Carrère
"»Ein Scheißleben, ja.«, so bezeichnet der Protagonist von Emmanuel Carrères Romanbiografie »Limonow« mit einem kurzen, trockenen Lachen am Ende des Buches das, was wir gebannt lesend auf mehr als 400 Seiten verfolgt haben. Ein »romanhaftes Leben«, wie es im Prolog heißt, das Carrère aus Limonows eigenen autobiographischen Texten, aus Gesprächen mit ihm und Menschen aus seinem Umfeld rekonstruiert hat. // Das Unerhörte wie Bestechende an diesem Buch ist die Einmischung des Biographen in die Erzählung des Lebens seines Protagonisten. Carrére, vierzehn Jahre jünger als Limonow und im großbürgerlichen französischen Akademikermilieu aufgewachsen, arbeitet sich auch an den europäischen Entwicklungen der Nachkriegszeit ab, mit deren Ausläufern wir tagtäglich in den Medien konfrontiert sind. So betrachtet er nicht nur Limonows Leben parallel zu seinem eigenen, sondern setzt Limonows Werdegang – vom Aufwachsen in der ukrainischen Provinz, über seinen Aufstieg zu einem der im Ausland erfolgreichsten russischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, seine Parteinahme für die Serben im vom Krieg zerrütteten ehemaligen Jugoslawien, bis zu seinen politischen Machenschaften am äußersten rechtsnationalistischen Rand im Russland der Jahrtausendwende, seinem Gefängnis- und Lageraufenthalt, und seiner politischen Neutralisierung – in Beziehung zur neueren Geschichte Russlands. Dabei gelingt ihm in einer Mischung aus literarischer Verve, hervorragender historischer Recherche und psychologischem Einfühlungsvermögen das Kunststück vieles, was wir aus den Nachrichten über Russland zu kennen glauben, aus völlig anderer Perspektive zu erhellen. // Carrère behält sich klug sein Urteil vor, ist als Biograph aber nicht zimperlich: Mehr als einmal lässt er seinen Protagonisten so hilflos, unterbelichtet und größenwahnsinnig dastehen, wie er sich gibt. Er zweifelt an dessen Motiven und - je näher er ihm kommt - auch daran, ob sein eigenes Buchprojekt Sinn macht. Aber er vermittelt auch die Faszination an diesem Mann; daran, dass Limonow unbeirrt seinen Weg geht, zu seinen Freunden loyal ist und geduldig an der Seite jener Frau steht, für die er sich im jeweiligen Lebensabschnitt entschieden hat. Und es gelingt ihm, Limonows Leben so zu entfalten, dass es - auch in seinen absurdesten Wendungen - völlig folgerichtig erscheint für einen Mann, der in einem Land aufwächst, in dem ein Menschenleben nicht viel wert ist, und der sich nur entscheiden kann, entweder ein Verbrecher oder ein Held zu werden. In seiner Tiefe wird der Text damit auch zu einer komplexen Meditation über Konzeptionen von Männlichkeit. // »Limonow«, der Künstlername von Eduard Sawenko, verweist im Russischen sowohl auf »limon«, die Zitrone, als auch auf »limonka«, die Handgranate. Das Buch selbst ist eine literarische Granate, denn selten gelingt es so virtuos die Niederungen der nackten menschlichen Existenz mit den großen gesellschaftlichen und politischen Strömungen rückzukoppeln. (z)" 26.09.12

Wovon wir träumten von Julie Otsuka
"Julie Otsuka erzählt die Geschichte der »picture brides«, jener jungen Japanerinnen, die am Beginn des 20. Jahrhunderts als Ehefrauen nach Amerika verkauft wurden. In acht Kapiteln schildert sie, wie die Frauen erwartungsvoll nach Amerika überfahren; wie sie sich dort mühsam über Wasser halten; ihre Kinder beginnen gerade, die kulturellen Differenzen zu überbrücken, als die Vorfälle um Pearl Harbour die JapanerInnen in Amerika zu kollektiv gebrandmarkten VerräterInnen machen und ihr Bleiben verunmöglichen. // Für gewöhnlich werden solche wahren Begebenheiten anhand einzelner Protagonistinnen als individuelle Schicksalsgeschichten erzählt, die auf die größeren historischen Zusammenhänge verweisen sollen. Julie Otsuka wählt einen anderen Zugang: Indem sie konsequent in der Wir-Form schreibt, entsteht aus vielen vereinzelten und anonymen Schicksalen die kollektive Geschichte einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe. Die Autorin stiftet eine zarte Solidarität zwischen diesen Frauen und verleiht ihren Leben eine ungekannte Würde. // Geschickt umschifft Julie Otsuka die Fallen, die ihrer ungewöhnlichen Poetik innewohnen: Die neben einander gestellten Darstellungen der Variationen im Erleben der Frauen (z.B. in Bezug auf das Kinderkriegen) sind sinnlich genug, um meine Aufmerksamkeit zu halten. Immer wieder findet sie spezifische Bilder, Handlungen und Gedanken, um in halben Sätzen größere Geschichten anklingen zu lassen. Die Schilderungen der deprimierenden Lebensumstände balanciert sie in der ersten Hälfte des Buches sehr behutsam mit Lichtblicken, glücklichen Begegnungen und dankbar erlebter Menschenfreundlichkeit aus. Der zweite Teil ist durch die Stigmatisierung und schlussendliche Deportation der JapanerInnen düsterer und verweist auf ähnliche Schicksale in anderen historischen Konstellationen. // Die makellose Übersetzung von Katja Scholtz entwickelt einen wunderbaren Sog und zwingt zu einer mitfühlenden Lektüre. Das Buch ist ein faszinierender Beleg dafür, was die Romanform für das Nachdenken über unsere Welt immer noch zu leisten imstande ist. (z)" 27.08.12

BELLA triste 27 von Diverse Autoren, Herbert Hindringer, Annika Scheffel, Clemens J. Setz, Kevin Kuhn
"Eine von Andreas Töpfer (der kookbooks-Gestalter) schön streng gestaltete Ausgabe - mit knalligen Farben für die einzelnen Heftabteilungen. Mein erstes BELLA-Heft, bei dem es mir neben den Texten von Annika Scheffel und Clemens J. Setz vor allem der Schlussteil angetan hat: Für [cut] montierte Oliver Kümel Werkstatt- und Alltagssätze von Herbert Hindringer so, dass dessen erweiterte Schreibstube begehbar wird. In [lux] erhellt Christoph Peters in einer locker-gescheiten Erzählung die Umstände der Suche nach dem Schreibanlass für eine neue Geschichte. [phon] schließlich ist ein klug gefragtes Gespräch von Clara Ehrenwerth mit Kathrin Röggla, das äußerst interessante Einblicke in Recherche und Arbeitsweise dieser außergewöhnlichen Autorin ermöglicht. Hätte ruhig noch ein wenig länger ausfallen dürfen!" 16.07.12

Wasserblau von Monika Goetsch
"Monika Goetsch hat einen familiensystemischen Krimi geschrieben. Ihre Hauptfigur Ellen ist Ermittlerin der eigenen Vergangenheit – ausgelöst durch einen rätselhaften Anruf aus einem kleinen Ort, in dem sie ein halbes Jahr ihrer Kindheit verbracht hat. Sie ist eine junge Mutter knapp über dreißig und in ihrem eigenen Leben nicht ganz zu Hause. Ihre Ahnung, dass in ihrer Familie Dinge vorgefallen sind, die ihr ein erfülltes Dasein in der Gegenwart verweigern, lässt sie zu einer hartnäckigen Fragenstellerin werden. Von Beginn der Lektüre an spüre ich, dass es hier jemandem ernst ist mit dem Erzählen. Der mit vielen kleinen Andeutungen gespickte Anfang vermittelt eine Dringlichkeit und zieht mich in den Text hinein. Monika Goetsch schreibt eine äußerst ökonomische Prosa, die gut sowohl die melancholische Grundstimmung des Romans trägt, als auch genügend Verhältnisse nicht komplett auserzählt, um Platz für die Gefühle der Lesenden zu lassen. Sie kommt ohne Larmoyanz, ohne Sentimentalität aus. Einzig die Männerfiguren gelingen ihr nicht in der gleichen Differenziertheit wie die Frauen, um die sich die Geschichte dreht. Klug arbeitet die Autorin mit dem Wechsel der Erzählzeiten, unaufdringlich entfaltet sie einen Diskurs über Erinnerung. Ellen hat bei ihrer Erinnerungsarbeit immer wieder mit unzuverlässigen ErzählerInnen zu kämpfen, deren Berichte sie zwar der Wahrheit über ihre eigene Verstricktheit in das Schicksal ihrer Mutter näher bringen, ein gesichertes Erkennen aber auch ständig hinaus schieben. Dass in hoch verdichteten Episoden die Wurzeln dieser Verstrickungen bis zurück zu Ellens Großvater, der im zweiten Weltkrieg gefallen war, und deren Echos bis nach vor zu Ellens eigener dreijähriger Tochter etabliert werden, ist eine der größten Leistungen dieses Romans. »Wasserblau« lohnt eine konzentrierte Lektüre. Traumata freizulegen ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Monika Goetsch gelingt es, uns diesen Schmerz zuzumuten und zugleich die hinter ihm liegende Befreiung spürbar zu machen. Ein mutiges, ernsthaftes und reifes Romandebüt – und ein notwendiges Buch. (z)" 06.09.10